Gedanken teilen, Impulse mitnehmen

In unseren Gesprächskreisen und Veranstaltungen beschäftigen wir uns mit Fragen des Glaubens und des Alltags. Hier teilen wir Gedanken, Erkenntnisse und Impulse aus diesem Austausch zum Nachlesen, Weiterdenken und Mitnehmen ins eigene Leben.

Unser erster Beitrag widmet sich dem Thema Achtsamkeit. In der vergangenen Woche haben wir gemeinsam verschiedene Perspektiven darauf betrachtet: Welche Bedeutung hat Achtsamkeit in unserem Glauben? Wie können wir uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Umgebung bewusster begegnen? Und wie lässt sich das im Alltag umsetzen?

Wir laden euch herzlich ein, mitzulesen und eigene Gedanken dazu zu entwickeln.

Achtsamkeit 

Ein Beitrag von Nadine Dökücü

In meiner dreiwöchigen Mutter-Kind-Kur hielt eine Sozial Pädagogin einen Vortrag über Achtsamkeit.

In Ihrem Vortrag bezog sie sich auf Jon Kabat-Zinn, der Begründer von Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), zu deutsch Achtsamkeits basierende Stressreduktion (ABSR).

Folgende 6 Säulen fassen die Essenz seiner Lehre gut zusammen:

  • Aufmerksamkeit: Das Fundament der Achtsamkeit. Es geht darum, die Aufmerksamkeit ganz bewusst auf den gegenwärtigen Moment zu richten – und zwar absichtlich und ohne zu urteilen.
  • Atmen: Der Atem ist der zentrale Anker. Er fließt immer im hier und jetzt. Wenn die Gedanken abschweifen, kehrt man über das Spüren des Ein- und Ausatmen sanft in die Gegenwart zurück
  • Akzeptanz: Die Dinge so zu sehen und anzunehmen, wie sie in diesem Moment tatsächlich sind. Das bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder aufzugeben, sondern den aktuellen Zustand nicht durch inneren Widerstand zu bekämpfen.
  • Absichtslosigkeit: Im Alltag tun wir fast alles, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Achtsamkeit hingegen ist zielfreies Sein. Es gibt keine gute oder schlechte Achtsamkeit. Der Moment selbst ist das Ziel.
  • Anstrengungslosigkeit: Man versucht nicht, sich krampfhaft zu entspannen oder einen Zustand zu verändern. Es geht darum, sich zu erlauben, einfach so zu sein, wie man gerade ist.
  • Aufrechterhaltung: Achtsamkeit ist kein einmaliges Event, sondern eine kontinuierliche Praxis. Es erfordert die sanfte Disziplin, die Wachheit und die Aufmerksamkeit über den Tag hinweg immer wieder aufrechtzuerhalten.

Außerdem sprach sie darüber, dass wir, laut Jon Kabat-Zinn, schätzungsweise 90 % unserer Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft verbringen. Was bedeuten würde, dass wir mit nur 10 % gedanklich in der Gegenwart präsent sind. Ob diese Zahlen wirklich stimmen, oder die Zahlen nur dafür benutzt werden, um uns zu veranschaulichen wie selten unser Geist im eigentlichen Moment verweilt, darüber dürfen sich die Wissenschaftler den Kopf zerbrechen. Tatsache ist aber, dass unsere Gedanken ständig zwischen Erinnerungen, Bewertungen der Vergangenheit und Planung oder Sorgen für die Zukunft hin und her springen. Wenn dem so ist, würde das aussagen, dass uns viele wertvolle Momente Tag für Tag durch die Lappen gehen. Wir sie nicht mitbekommen, sie nicht wahrnehmen. Und dann wundern wir uns warum wir so unzufrieden mit uns, allen Menschen um uns herum oder einfach mit dem Leben sind.

Interessant fand ich auch, dass Kinder noch in der Lage sind ihre Aufmerksamkeit den kleinen Dingen zu widmen und über eine große Achtsamkeit verfügen. Dies zeigt sich z.B. in einem Spaziergang. Wer schon mal mit einem Kind spazieren gegangen ist, kennt es nur zu gut. Da ist der Stein am Wegesrand, der Marienkäfer auf der Wiese, die Kastanie auf dem Gehweg usw. Hier lassen sich noch unendlich viele Beispiele aufzählen. Aber alle haben eines gemeinsam, sie werden gesehen, bewundert und bestaunt. Meistens sind aber die Begleiter selten in der Lage diese Dinge genauso zu bewundern oder zu bestaunen. Wahrscheinlich aus Zeitdruck oder weil sie die Dinge schon etliche male gesehen haben und sie für sie keinen „wert“ mehr haben. Also erziehen wir Erwachsene den Kindern die Achtsamkeit ab, damit diese Kinder im Alter Geld für Bücher über Achtsamkeit, Kurse für Achtsamkeit usw. ausgeben, weil ein Erwachsener vielleicht unter Zeitdruck stand. Wir alle konnten einmal, als Kinder, mit Achtsamkeit, Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge durchs leben gehen und haben es verloren oder aberzogen bekommen. Gerade diesen Gedanken finde ich traurig, da ich Mutter von drei Kindern bin. 

Aber warum erzähle ich Euch das?

Nach dem Vortag ging ich alleine in voller Seelenruhe spazieren und ließ meinen Gedanken freien lauf. Mich ließ das Thema nicht los und ich machte mir Gedanken darüber, warum ich auch so selten im hier und jetzt sein kann, was Achtsamkeit für mich bedeutet, habe ich meinen Kindern die Achtsamkeit aberzogen? Dann erinnerte ich mich daran, wie ich mit Elif einmal spazieren war und wir uns die Bäume, Pflanzen, Blüten angesehen haben. Sie und ich waren so erstaunt darüber was wir alles gesehen haben. Dabei sagte ich: „Mashallah, wie schön ALLAH doch diese Welt für uns erschaffen hat.“ Ich freute mich über diese Erinnerung, da wohl doch nicht ganz unaufmerksam durchs leben gehe. Aber durch diese Erinnerung kam mir der Gedanke: In wie weit steht Achtsamkeit eigentlich in Verbindung mit meiner Religion?“ 

Geht es im Islam nicht auch genau darum? 

Achtsam mit seinen Mitmenschen und sich selbst umzugehen.

Achtsam in jeder Sekunde unseres Lebens zu sprechen, zu handeln, zu denken, damit wir keine Sünden begehen.

Der Welt, die ALLAH für uns erschaffen hat, mit Achtsamkeit zu begegnen. Die Welt, die Natur, die Pflanzen, die Tiere, die Meere, die Berge usw., alles was ALLAH erschaffen hat, sind seine Kunstwerke für uns und diese Schönheiten müssen wir doch sehen. All das hat ALLAH uns anvertraut, wie können wir mit der Erde und mit all dem was sie beherbergt gut umgehen, wenn wir noch nicht einmal in der Lage sind diese Kostbarkeiten zu sehen oder wahrzunehmen?

Achtsam unser Gebet verrichten und unsere Aufmerksamkeit im Gebet nur ALLAH zu widmen.

ALLAH möchte dass wir ihm vertrauen, auf den Plan den er für uns hat, dass wir an ihn denken, wenn wir seine Schöpfung betrachten, dass wir ihm danken, ihn lieben und nur ihn anbeten.

Was sagt der Koran über Achtsamkeit:

Achtsamkeit gegenüber der Natur:

„Und den Himmel hat Er emporgehoben und die Waagschale (des Gerechtigkeit/Gleichgewichts) aufgestellt, damit ihr das Gleichgewicht nicht verletzt.“
(Sure Ar-Rahman, 55:7–8) 

 

Achtsamkeit des Gläubigen:

„Meinen die Menschen wohl, in Frieden gelassen zu werden, nur weil sie sagen: „Wir glauben“-und nicht auf die Probe  gestellt werden?“

(Sure Al-'Ankabut / Die Spinne, 29:2)

 

Was sagt der Prophet (s.a.s.) über Achtsamkeit:

Nu´man b. Al-Baschir berichtet, dass der Prophet sagte: „Die Gläubigen in ihrer Zuneigung, Barmherzigkeit und ihrem Mitleid zueinander sind einem Körper gleich: Erkrankt eines der Organe dieses Körpers, werden auch die anderen in Mitleidenschaft gezogen und leiden an Schlaflosigkeit und Fieber.“ (Muslim: Sahih, Birr 66(M6586))

Nach einer Überlieferung von Abu Zarr sagte der Gesandte Allahs (s.a.s) folgendes:“Wo immer du dich auch befindest, sei dir der Verantwortung gegenüber Allah (immer) bewusst! Leiste nach einer schlechten Tat eine gute Tat, damit sie die schlechte Tat tilgt. Verhalte dich den Menschen gegenüber mit gutem Charakter.“ (Tirmizi: Sunan, Birr 55 (T1987))


 

Achtsamkeit & Gottvertrauen

Im Anschluss an Nadines Beitrag über Achtsamkeit und unsere gemeinsame Diskussionsrunde haben wir einen Abschnitt aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk gelesen: den dritten Punkt im ersten Kapitel des 23. Wortes. 

Dabei stand Gottvertrauen (Tevekkül) im Mittelpunkt.

Für uns ergab sich hier eine wichtige Verbindung zur Achtsamkeit: bewusst wahrzunehmen, was uns beschäftigt, wo wir selbst handeln können und was außerhalb unseres Einflusses liegt. Gottvertrauen kann uns dabei helfen, Verantwortung zu übernehmen und zugleich das loszulassen, was wir nicht kontrollieren können.

Der gelesene Abschnitt veranschaulicht diesen Gedanken anhand eines Gleichnisses von zwei Männern. Wer sich näher damit beschäftigen möchte, findet im Folgenden den Buchauszug zum Nachlesen und Weiterdenken.
 

Auszug aus dem Risale-i Nur Gesamtwerk, 23. Wort: Der Wert des Glaubens

(...) Dritter Punkt: Der Glaube ist sowohl Licht als auch Kraft. Ja, derjenige, der den wahren Glauben in Händen hält, vermag der ganzen Welt Widerstand zu leisten und sich je nach der Stärke seines Glaubens vom Druck aller Geschehnisse zu befreien. »Ich vertraue auf Allah.«, sagt er und durchkreuzt mit dem Schiffe des Lebens in vollkommener Sicherheit die haushohen Wogen der Ge-schehnisse. Er vertraut all seine Last der machtigen Hand der grenzenlosen Allmacht (Gottes), durchquert ruhig diese Welt, rastet im Zwischenreich. Danach vermag er sich in das Paradies aufzuschwingen, um in die Ewige Glückseligkeit einzugehen. Andererseits, wenn er die Last dieser Welt nicht Gott anvertraut, behindert sie nicht nur seinen Aufschwung, sondern zieht ihn zum Niedrigsten der Niedrigen herab. Das will besagen: Glaube (iman) führt zu Einheit (tauhid), Tauhid zu Hingabe (teslim), Teslim zu Vertrauen, Vertrauen zu Glückseligkeit in den beiden Welten (Diesseits und Jenseits) Das darf man jedoch nicht falsch verstehen! Vertrauen bedeutet nicht, die Ursachen vollständig außer Acht zu lassen. Es heißt viel-mehr, die Ursachen hinter dem Schleier der Hand des Allmächtigen (Gottes) zu erkennen und anzuerkennen.

Von den Ursachen auszugehen heißt, dies als eine Art tätigen Gebetes anzusehen, die Ergebnisse aber nur von Gott dem Gerechten zu erwarten, die Folgen als von Ihm kommend zu erkennen und Ihm dankbar zu sein. Als Beispiel für einen, der sich Gott anvertraut und einen, der dies nicht tut, steht folgendes Gleichnis:

Es waren einmal zwei Männer. Sie hatten sich Rücken und Kopf mit schweren Lasten beladen, eine Fahrkarte gelöst und ein großes Schiff bestiegen. Der eine stellt seine Last auf dem Schiff ab, sobald er es betreten hat und setzt sich darauf, um sie zu bewachen. Der andere, weil er sowohl dumm als auch stolz ist, stellt seine Last nicht ab. Jemand sagt zu ihm: »Überlass deine schwere Last dem Schiff und mache es dir bequem!« Er antwor-tet: »Nein, das tue ich nicht. Vielleicht kommt sie zu Schaden. Ich bin stark. Ich werde meinen Besitz auf meinem Rücken und auf meinem Kopf bewahren.« Noch einmal sagt jemand zu ihm: »Du bist auf diesem Schiff des Sultans in Sicherheit. Es ist stärker als du und trägt dich und uns. Es bewahrt noch besser, vielleicht wirst du, wenn dir schwindlig wird, mitsamt deiner Last ins Meer stürzen. Außerdem wird deine Stärke allmählich nachlas-sen. Dieser gebeugte Rücken, dieser Kopf ohne Verstand wird diese allmählich schwerer werdende Last nicht mehr tragen. Zudem wird der Kapitän, wenn er dich in diesem Zustand sieht, sagen, du seiest verrückt und dich vom Schiff weisen. Oder er wird sagen, du seist ein Verräter, der unser Schiff beleidigt und uns auslacht, und Befehl geben, dich einzusperren. Uberdies hast du dich zum Narren gemacht. Du hast dich selbst zum Gespött gemacht mit deiner Eitelkeit, die dem Aufmerksamen deine Schwachheit offenbart, mit deinem Stolz, der deine Jämmerlichkeit zur Schau stellt, und mit deinem gekünstelten Verhalten, das deine Heuchelei und Nichtswürdigkeit ent-schleiert. Jeder lacht über dich.« Nachdem ihm dies gesagt worden war, kam der arme Kerl zur Besinnung. Er stellte seine Last ab, setzte sich darauf und sagte: »Oh, möge Gott Wohlgefallen an dir haben! Ich bin vor Müh-sal, Gefangenschaft und Gespött bewahrt worden.«

Nun, oh Mensch, der du kein Vertrauen zu Gott hast!

Komme auch du wie dieser Mann zur Besinnung! Vertraue auf Gott! Nur so wirst du vor der Bedrängnis in der Gefangenschaft des Diesseits bewahrt bleiben, davor, vor aller Welt ein Bettler zu sein, vor jedem Ereignis zu zittern, vor eitlem Ruhm und Spott, vor Qual im Jenseits.

Risale-i Nur Gesamtwerk, Worte, 23. Wort, Erstes Kapitel, dritter Punkt, S. 548 f. 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.